Die Trauer ist ein Teil von mir

Ich habe lange überlegt, wie ich etwas Persönliches beginnen kann. Irgendwie wollte ich auch mit einem leichterem Thema beginnen. Aber dieses hier geht mir nicht aus dem Kopf.Seifenblasen

Dann bin ich auf Silkes Blog gestoßen. Außerdem diese Idee  hier, die mir Mut gegeben hat, diese Geschichte aufzuschreiben. Mein Wunsch für die Zukunft wäre auch die Trauer zu enttabuisieren. Sie ist viel zu wenig Teil unseres Lebens, obwohl der Tod doch allgegenwärtig ist. Auch die Medien berichten von fast nichts anderem. Weihnachten gab es wieder ein großes Unglück, alle sind auch betroffen. Jedoch weiß keiner so recht damit umzugehen. Einfacher ist es zum Alltag zurückzukehren, sich in die Arbeit zu stürzen und danach allein im Bett verkriechen. Einige dieser Verhaltensweisen kenne ich zu gut. Sie sind auch nicht nur schlecht. Meine Arbeit hat mir halt gegeben und die Pferde haben mich getröstet, mir mein Vertrauen wiedergegeben und mich einfach mal weinen lassen. Allein im Bett sein, ganz in Ruhe mit seinen Gedanken und Gefühlen sein, ist auch gut. Gefühle wollen gefühlt werden. Man muss aber auch wieder aufstehen. Raus gehen, dem Leben sein Gesicht entgegenstrecken. So schwer es auch manchmal ist. 3 Jahre später ist es immer noch schwer. Etwas weniger als zu Beginn sicherlich. Das macht Mut, das macht stark. Was auch immer euch aus der Bahn geworfen hat, wie auch immer ihr damit zurechtkommt… Ihr seid am Leben, also lebt es.

Trauer

Die Trauer hat viel mit mir gemacht. Sie hat mich verändert, sie hat mir was gezeigt. Der Tod zeigt auch immer das Leben und das Bewusstsein über den Tod, das Leben bringt uns Bedeutung. Die Bedeutung hat nichts mit der Arbeitswelt, mit Schaffen, erledigen und Leisten unserer Gesellschaft zu tun. Es geht tatsächlich mal nur ums Leben. Um einen Selbst. Je mehr ich selbst wurde, desto mehr kann ich fühlen und umso mehr fühle ich meine Mutter.

Liebe

Den geliebten Menschen, den man verloren hat. Zumindest in seiner physischen Form. Dieses wiederfinden des Menschen in sich selber, ganz tief in seinem Inneren. Das ist ein Gefühl, was sich kaum beschreiben lässt. Es ist so groß und warm und weich. Es macht mich so stark.  Glauben und Vertrauen kehren wieder. Wir sind nicht einfach so auf dieser Welt, wir sind nicht was wir arbeiten, wir sind so viel mehr. Unser Inneres gilt es zu erforschen. Wie sehr ich ihr doch ähnlich bin. Es hat mich überrascht. Nicht immer war unsere Beziehung leicht. Doch jetzt fehlt die Zeit um miteinander leicht sein zu.

Gefühle

Sie wurde aus dem Leben gerissen, einfach so und plötzlich. Kein verabschieden. Es blieb nur Leid, Trauer, Leere und Sinnlosigkeit. Ich habe funktioniert, geschafft, erledigt, gearbeitet. Aber ich war eine Fassade, eine Hülle. Ich war stark mit meiner Mauer. Ich habe mich an die Regeln gehalten. Nach dem Trauerjahr ist man wieder normal. Doch was ist normal? Was bleibt nach dem Schmerz? Viele Ratschläge von los lassen, die Zeit heilt alle Wunden und man muss nach vorne sehen, prasseln auf einen ein. Ich lebe im Moment. Ganz und total. Bin überfordert vom Morgen, teilweise von der nächsten Stunde. Ich will nicht zerbrechen. Ich bin nicht zerbrochen. Ich kann auch wieder Pläne machen. Nicht ewig weit, aber doch für einige Tage. Mehr brauche ich nicht zum Leben. Denn ich bin am Leben. Einfach so. Ohne darum gebeten zu haben, ohne eine Fahrkarte oder einen Plan. Das ist okay.

Leben

Ich bin einverstanden mit dem Leben. Und mit dem Tod. Es bedeutet aber auch nicht mehr. Nu einverstanden, nicht freudig, nicht sauer, nicht irgendwas. Einfach nur einverstanden. Aber ich freue mich über kleine Dinge, über besondere Dinge und über wichtige Dinge, wie Gesundheit, Liebe und den Zauber. Das macht mich glücklich. Nie hätte ich gedacht, dass ich wieder glücklich sein kann. Die Angst suhlte sich in mir, dass ich ewig in dieser Leere, Stille, Watte existieren würde. Wäre auch ok gewesen, aber absolut Sinnlos. Mit Glück lässt es sich viel schöner leben und ich will mit all meinem Glück, all dem Bösen entgegen strahlen. In der Hoffnung, dass es hilft. Es ist anstrengend, glücklich zu sein. Früher habe ich mir darum keine Gedanken gemacht. Heute schon. Ich genieße es, ich bemerke es. Ich bemerke auch die Tage, an denen die Trauer größer ist und damit das fehlende Gefühl des Glückes. So viele Gefühle in mir.

Beistand

Mit wem soll man darüber reden? Wen kann man damit belasten? Ich behalte es lieber für mich, die anderen gucken immer so komisch. Warum eigentlich? Warum fühlen sich alle so überfordert von Gefühlen und so hilflos beim Trösten? Ich habe Verständnis dafür, dass es eine der schwersten Dinge auf dieser Welt ist. Es nennt sich: Beistand. Dazu gehört nichts, als daneben zu stehen. Zu wissen, dass jemand da steht und nicht weggeht, ist sehr tröstlich. Aber natürlich ist es schwer. Auszuhalten, wahrscheinlich zu hören, sich Zeit nehmen. Ich verstehe es. Es muss trotzdem raus. Es geht nicht alleine. Und es gehört zu mir. Wer mich kennt, kennen lernen will, mit mir sein will, muss auch diesen Teil wissen.

Geschichte

Meine Mutter wurde von ihrem Lebensgefährten brutal ermordet. Er hat sie nicht einfach nur erstochen, sondern erst noch gewürgt und dann mit 33 Messerstichen übertötet. Ronald Kallies konnte es meiner Mutter nicht erlauben, ohne ihn weiter zu leben. Doch daran hat er wahrscheinlich gar nicht gedacht. Er konnte sich kein Leben ohne sie vorstellen. Seinen ursprünglichen Plan, seinem eigenen Leben ein Ende zu bereiten, hat er nicht übers Herz gebracht. Aber einer wundervollen Frau auf brutalste Weise das Leben zu nehmen, das war für ihn möglich. Aus Liebe wird Verzweiflung oder war es verzweifelte Liebe?

Die Tat wurde von allen Seiten beleuchtet, durchgekaut, beschrieben und hin und her gedreht. Bedeutung hat es nicht. Sie ist weg. Für immer. Sie fehlt

Erschöpfung

Ich muss jetzt erst einmal eine Pause machen. Ich werde jetzt raus gehen und das Leben spüren. Den Wind um meine Nase, die Landschaft vor meinen Augen und auf mein Atmen hören. Immer, wenn ich erzähle, was passiert ist, brauche ich danach Zeit. Wir haben keine Kontrolle über das Leben. Über Menschen. Wir können nicht in andere Köpfe hineinsehen. Wir denken, wir kennen jemanden. Doch das tun wir nicht. Oder doch? Oder nicht? Der Wind soll es wegpusten. Mich wieder leicht machen. Dann kann ich mich gehen und meine Mum spüren. Das macht mich traurig. Und glücklich.

Danke für euer Ohr und jetzt: Geht Leben! Oder schreibt mir, wie es euch geht. Ich habe auch ein paar gute Ohren.

p.S.: Noch eine Empfehlung von mir. Eine tolle Lektüre, die einem bei der Suche nach dem Sinn des Lebens hilft.

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